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Unser Geld muss digitaler werden

 

Stellen Sie sich einmal folgendes Zukunftsszenario vor: In einem Betrieb geht ein ganz bestimmtes, nur bei einem Lieferanten im Ausland erhältliches Material aus. Spätestens 24 Stunden später muss Nachschub des Materials eintreffen, sonst steht die Produktion still. Dieses Problem wird von einem Computersystem bemerkt. Es bestellt vollkommen autonom beim System des Lieferanten neue Ware, die dort auch sofort auf den Weg gebracht wird – ebenfalls völlig automatisch. Zollanmeldung, Transportorganisation – alles funktioniert ohne menschliches Zutun. Beim Zoll scannt ein Computer die Ware, kommt anhand vorgegebener Parameter zu dem Schluss, dass alles seine Ordnung hat und fordert vom bestellenden Computersystem die Zollgebühren. Dieses würde sofort bezahlen – aber es kann nicht, jedenfalls derzeit nicht. Schließlich muss ein Mensch die Zahlung autorisieren, und auf dem normalen Weg dauert es mindestens einen Bankarbeitstag, bis der Zoll den Geldeingang registrieren kann.

Dieses Beispiel macht die Grenzen unseres aktuellen Zahlungsverkehrssystems deutlich: Verhältnismäßig lange Laufzeiten, komplizierte Autorisierungsverfahren und fehlende Delivery-versus-Payment-Funktionalitäten. War das in der Vergangenheit vielleicht noch akzeptabel, für die Zukunft ergeben sich dadurch ernsthafte Probleme. Denn die gehört – unter anderem – dem Internet of Things (IoT). Bereits 2025 werden geschätzt 75 Milliarden Geräte miteinander vernetzt sein.  Das Potenzial für neue Geschäftsmodelle ist riesig, egal ob es sich um automatische Zollabfertigungen ohne menschliches Eingreifen, nach tatsächlich gefahrener Nutzlast abgerechnete Mietgebühren für Landmaschinen oder den selbstständig bestellenden Kühlschrank handelt.

Aber: Viele dieser Geschäftsmodelle werden sich kaum realisieren lassen, wenn die derzeitigen Grenzen der Zahlungssysteme bestehen bleiben. Digitale Währungen können den Grundstein für die Automatisierung legen und diese Einschränkungen überwinden. Die Europäische Zentralbank (EZB) denkt laut über die Einführung eines öffentlichen digitalen Euros nach, sprich einer digitalen Form von Zentralbankgeld, welches die finanzielle Inklusion fördern und dem Bürger als ein digitales und sicheres Zahlungsmittel zur Verfügung stehen soll. Aber selbst, wenn dies noch 2021 beschlossen werden sollte: Vor 2026 ist eine solche Währung auch nach Einschätzung des EZB-Direktors Fabio Panetta kaum Realität , zumal auch noch nicht feststeht, ob der digitale Euro die für IoT-Geschäftsmodelle notwendigen Eigenschaften aufweisen wird. Angesichts des Wachstums im IoT ist es zu spät und zu unsicher.

Die Lösung dieses Dilemmas liegt bei privaten Initiativen. Es gibt bereits heute schon die Möglichkeit, über eine technische Brückenlösung das SEPA-System mit einer Anwendung, die auf der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basiert, zu verbinden. Mit dieser Methode lassen sich beispielsweise Pay-per-Use-Lösungen umsetzen: Über das SEPA-System werden Zahlungen ausgelöst, und programmierbare Zahlungen können auf einer DLT abgebildet werden. Diese sogenannte Triggerlösung beseitigt aber die Limitationen von SEPA nicht. Denn nach wie vor wird die menschliche Autorisierung benötigt. Die Maschine oder das IoT-Gerät kann nicht selbstständig abrechnen. Der Systembruch bei der Zahlungsabwicklung kann vermieden werden, wenn ein digitales Zahlungsmittel direkt auf einer DLT emittiert und abgewickelt wird, anstatt über den konventionellen Zahlungsverkehr. 

DLT-basiertes digitales Geld muss nicht zwangsläufig von einer Zentralbank herausgegeben werden. Auch Banken oder Finanzinstitute können Lösungen für die sogenannten programmierbaren Zahlungen schaffen. Ein Beispiel hierfür sind eurobasierte Stablecoins – digitale Token, die mit einem bestimmten Geldwert unterlegt sind. Derzeit gibt es jedoch keine regulatorische Basis für Euro-Stablecoins. Zudem weisen diese Stablecoins ein hohes Gegenparteirisiko auf. Mit der geplanten EU-Richtlinie „Markets in Crypto-Assets“ (MiCA) dürfte sich das allerdings ändern und Stablecoins zu tokenisiertem E-Geld gemacht werden können. Eine Alternative ist tokenisiertes Giralgeld, das Banken emittieren könnten. Es hätte im Gegensatz zur Stablecoin den Vorteil, nicht zu 100 Prozent gedeckt sein zu müssen. Nach den derzeit geltenden Vorschriften wäre eine solche Währung aber dann auch nicht multibankfähig, was ganz erhebliche Einschränkungen mit sich bringt.

Wie auch immer die digitale Währung am Ende aussieht, sie wird kommen. Denn nur dadurch kann die deutsche Industrie von den Potenzialen des IoT in vollem Umfang profitieren. Gerade noch weitergehende Automatisierungen in der Warenlogistik oder immer stärker im Trend liegende Asset-as-a-Service-Modelle sind ohne vollständig autonome Zahlungen in Echtzeit kaum dauerhaft vorstellbar. Einzelheiten zu den Anwendungsfällen und weitere Details zu Konzeption digitaler Währungen können Sie im gemeinsamen Whitepaper „Der Zahlungsverkehr der Zukunft: Programmierbare Zahlungen im Bereich IoT“ nachlesen, das wir von PPI zusammen mit den Partnern Cash on Ledger, Digital Euro Association und Frankfurt School Blockchain Center verfasst haben. 

Zum kostenlosen Download geht es hier.

Autoren: Anja Kamping, Philipp Schröder


Bereit für den digitalen Euro?

Sie soll Bargeld ergänzen und der Bevölkerung sowie Unternehmen zugänglich sein: die neue, digitale Zentralbankwährung für den Euroraum oder besser bekannt als der digitale Euro. Nachdem die erste Folge unseres Blogs der Vorstellung der Central Bank Digital Currency (CBDC) gewidmet war, schauen wir uns in diesem Beitrag mögliche Implikationen an: Welche Anforderungen ergeben sich durch das Projekt „digitaler Euro“? Und was kommt auf Banken und Finanzdienstleister zu, wenn die EZB dieses Konzept Realität werden lässt?

Die EZB ihrerseits hat in ihrem Bericht „Report on a digital euro“ bereits grundlegende Anforderungen ausformuliert. Daraus lassen sich erste Tendenzen für Zahlungsverkehr und Banking ableiten.

  • Passend zum Standard: Die Ausgabe und Abwicklung des digitalen Euros soll kompatibel mit der bestehenden Zahlungsverkehrsinfrastruktur sein – also zu privaten Zahlungsverkehrsapplikationen, dem SEPA- und TARGET-System passen.
  • Zentral oder dezentral? Das ist die Frage: Ob die Ausgabe und Abwicklung über eine zentrale oder dezentrale Infrastruktur (z. B. über eine Distributed-Ledger-Technologie) erfolgen soll, ist noch offen.
  • Sicherheit ist ein Muss: Die Ausfallsicherheit der Abwicklungssysteme hat höchste Priorität. Auch die Services müssen Cyberangriffen standhalten können.
  • Breite Akzeptanz: Die digitale Währung soll im gesamten Euroraum verfügbar sein, potenziell natürlich auch außereuropäisch.
  • Leichterer Zugang zu Zahlungsmitteln: Der digitale Euro soll finanzielle Inklusion vorantreiben und ist auch für jene EU-Bürger gedacht, die keinen Zugang zu einem Bankkonto haben.
  • Richtige Kundenansprache: Intermediäre, wie Banken, sollen ihre Expertise nutzen, um ihren Kunden den Zugang zum digitalen Euro zu ermöglichen und zusätzliche Services rund um den digitalen Euro bereitzustellen.
  • Erfüllt die Regularien: Compliance und regulatorische Aspekte müssen erfüllt sein. Das reicht vom Anti-Money Laundering (AML) bis zur Payment Services Directive 2 (PSD2).
  • Nutzerfreundlich: Egal ob über eine App oder ein zusätzliches Endgerät: Für die Bürger muss der digitale Euro leicht verständlich und intuitiv zu benutzen sein. Natürlich soll der digitale Euro die Privatsphäre schützen und keine zusätzlichen Gebühren verursachen. Das neue Zahlungsmittel soll sowohl am Point of Sale als auch bei Zahlungen im Internet zum Einsatz kommen.

Big Agenda ohne Big Bang

Die Anforderungen machen klar, dass es um ein gemeinsames Großprojekt zwischen Banken, anderen Zahlungsverkehrsinstituten und der EZB geht, das nicht per Big Bang eingeführt werden kann, sondern in einem langfristigen, stufenweisen Prozess. Trotzdem ist dabei eine strategische Vorbereitung Gold wert. So steht ein Bündel von Fragen im Raum. Wenn sich die EZB für eine dezentrale Infrastruktur entscheiden sollte, wie wäre diese abzubilden? Funktioniert das über die bestehende Infrastruktur oder sind technische Vorbereitungen notwendig? Oder wird eine komplett neue Infrastruktur benötigt? Banken sollten auch analysieren, ob ihre Zahlungsverkehrssysteme den nötigen Reifegrad für die Abwicklung eines digitalen Zentralbankgeldes haben. Falls nicht, muss gegebenenfalls nachgesteuert werden. Das gilt auch für die nötigen User Interfaces, damit Privatverbraucher und Firmenkunden den digitalen Euro beziehen können. Außerdem sollten sich die Entscheider Gedanken über Prozesse und Design dieser Schnittstellen machen. Am besten immer mit dem EZB-Ziel vor Augen, dem Endverbraucher den Bezug des digitalen Euros so einfach wie möglich zu gestalten. Überlegungen sind auch für die Gestaltung des Bezahlvorgangs im Off- und Onlinehandel sinnvoll. Und: Wie kann der digitale Euro offline genutzt werden? Schließlich – und nicht zuletzt – gilt es darüber nachzudenken, ob sich mit dem digitalen Euro neue Geschäftsmodelle erschließen lassen. Es ist sicher von Vorteil, einen Plan parat zu haben, wenn die EZB das Startzeichen gibt.


Autor: Anja Kamping

Der digitale Euro soll wie Bargeld sein: sicher und anonym

Warum greift der Verbraucher zu Geldscheinen und Münzen, um zu bezahlen? Bargeld sorgt in erster Linie für Anonymität und Privatsphäre beim Bezahlvorgang. Vor allem in Deutschland genießt Bargeld nicht zuletzt aufgrund dieser Kerneigenschaften einen hohen Stellenwert als Zahlungsmittel. Die Coronakrise führt jedoch zu einem Umdenken in den Zahlungsgewohnheiten: Kontaktloses Bezahlen erfährt einen regelrechten Boom. In ihrer jüngsten Publikation „Report on a digital euro“ hat die Europäische Zentralbank (EZB) festgehalten, dass Bargeld zwar, vorrangig in Deutschland, noch das meistgenutzte Zahlungsmittel ist, dass aber ein deutlicher Trend zu mehr Nutzung von digitalen und innovativen Zahlungsformen erkennbar ist. Diese Veränderung im Zahlungsverhalten lässt sich nicht nur in Deutschland, sondern europaweit feststellen. 

Digitalisierung braucht digitales Geld

Der Zahlungsverkehr im Euroraum muss zukunftsfähig bleiben und auf kurzfristige Veränderungen reagieren können. Die Einführung einer „Central Bank Digital Currency“ (CBDC), eines digitalen Zentralbankgeldes, könnte ein wichtiges Sprungbrett sein, um Digitalisierung und Innovationen in der europäischen Gesellschaft auf ein neues Level zu heben. Die EZB definiert diesen digitalen Euro als ein elektronisches Abbild von Zentralbankgeld, das sowohl Bürgern als auch Unternehmen zur Verfügung stehen soll. Bargeld wird um den CBDC als weitere Zahlungsform ergänzt.

Die Ausgestaltung ist noch offen

Die EZB hat sich bezüglich der Ausgestaltung noch nicht festgelegt. Neben Überlegungen, welche Modelle möglich sind, hat die Zentralbank im oben genannten Bericht ihre (Schlüssel-)Anforderungen für eine solche CBDC definiert. In dem Bericht beschreibt die EZB, unter welchen Voraussetzungen die Einführung eines digitalen Euro notwendig ist und welche Ansätze zur Gestaltung möglich sind.

Feedback erwünscht

Eine breite Akzeptanz des digitalen Euros ist unabdinglich. Zur Beurteilung, wie die CBDC gestaltet werden sollte und welche Anwendungsfälle am besten geeignet sind, hat die EZB im Rahmen einer Online-Konsultation die öffentliche Meinung zu einem digitalen Zentralbankgeld in Europa eingeholt. Bürgerinnen und Bürger, Institutionen und Fachleute hatten die Möglichkeit, ihre Standpunkte und Lösungsvorschläge einzureichen. Das Feedback war enorm und zeigt das große Interesse an dem Thema: Über 8.000 Antworten gingen bei der EZB ein, erste Ergebnisse wurden bereits veröffentlicht. Demnach fordern mehr als jeder Dritte der Teilnehmer einen digitalen Euro, der die Privatsphäre bei Zahlungsvorgängen schützt. Ebenfalls ist der Wunsch nach Sicherheit und gesamteuropäischer Reichweite bei einer CBDC groß. Diese soll demnach die Kerneigenschaften von Bargeld widerspiegeln.

Entscheidung zur Jahresmitte

Weitere Ergebnisse der Befragung folgen im Frühjahr. Auf deren Basis sowie den Ergebnissen aus der vorangestellten internen Untersuchungsphase will die EZB Mitte dieses Jahres über den Start des Projektes zum digitalen Euro entscheiden.

Im Rahmen eines Online-Interviews auf „Reuters Next“ hat die EZB-Präsidentin Christine Lagarde mitgeteilt, dass sie von einer Einführung des digitalen Euros in den nächsten Jahren ausgeht – das neue Zahlungsmittel könnte also schon bald Realität sein.

Weiterführende Informationen:

Europäische Zentralbank: Report on a digital euro, Brüssel, Oktober 2020

Europäische Zentralbank: ECB digital euro consultation ends with record level of public feedback, 13.01.2021

Autor: Anja Kamping